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falle

Die eisige Luft verengt die Kapillaren der Extremitäten. Die Hände der eintretenden Körper sind anfangs kalt. Sie reiben sich die Handflächen gegeneinander, beugen und strecken die Finger - nachdem sie die vom Körper angewärmten Mäntel ablegen. Das warme Blut kehrt schwer und dick schlagend in die Finger zurück. Der Raum füllt sich mit warmen Stimmen. Sie sind unter sich.

Quitt, der den Wirt macht - wie jeden anderen Abend auch - sitzt in seinem schwarzen Stuhl und bewundert die Eigentätigkeit seiner bisher anwesenden Gäste , die er weder antreiben noch zu einer gewissen Sozialisationsproduktivität treiben muss. "Kein Vergleich zu den Kommunikationsverklemmten deiner gruppenhaften Jugendtage", schluckt er in sich hinein und will gerade einen neuen, anderen Satz in die linke hintere Zimmerecke stoßen, als er durch einen euphorischen Schlag auf die hölzerne Tischplatte aus seinen Beobachtungen geschleudert wird. Glasflasche auf Holz.


"Ich hoffe mal eine Frau zu finden, wie diesen Wein hier: ", sagt der sich bereits beim dritten Glas befindende Königstreue, versetzt seinem Ausspruch eine sinnvoll eingelegte Spannungspause und endet mit: "billig und muss knallen." Das Lachen, das darauf folgt, ist bitter. Alle drei lachen.


Ein Schlüssel passt sich metallisch knackend in das enge Schlüsselloch, wird gedreht; die Schlosszunge kratzt breit am Schaft. Wie durch eine Verstärkung ist diese Geräuschabfolge auch im Zimmer Quitts zu hören. Schwere, enge Schritte trommeln auf dem klebrigen Linoleum im Wohnungsflur - vor der Tür zum Zimmer. Verwundert blickt Quitt mit vorgeschürzten Lippen und verengten Brauen auf die Klinke seiner Zimmertür. Nichts. Im Flur hört man ein sich loslösendes Schnalzen nackter Fußsohlen. Unmengen - in leicht versetzen Abfolgen hintereinander klatschende Hautfetzen. Stimmen, wie durch einen Felsvorsprung oder durch das dichte Laub und Gesträuch eines Sommerwaldes vom direkten Anfallen des Hörers gehindert, schlagen wild in den Flur. Leise zwar - doch tief. Die Klinke bewegt sich nicht. Da die zwei neben ihm im Zimmer Anwesenden scheinbar nichts von diesem näherrückendem Dröhnen zu bemerken scheinen, zumal Königstreue viel zu sehr in die Erstellung einer Theorie des Zusammenhangs zwischen Weib und Wein vertieft ist, beschließt Quitt nachzusehen. Noch ein kurzer Blick in die Zimmerecke - "unverändert" - und er will aufstehen. Da senkt sich die Klinke.

Der Alte betritt den Raum - gefolgt von einem Prozessionszug kleinwüchsiger, nackter Neger, die mit grellen, schleimenden Mündern rufen: "MAUSEFALLE, MAUSEFALLE, MAUSEFALLE, MAUSEFALLE, MAUSEFALLE, ..." Der Alte hebt den rechten Arm, der dunkle, schweißbefleckte Troß hinter ihm bleckt nochmals besonders schräg die weiß herausblitzenden Zähne, erhöht die Geschwindigkeit und die Lautstärke der Worte und verstummt im selben Moment, da der Alte seinen Arm wieder gesenkt hat mit einem oktavenniedrigerem, geröcheltem MYS. Ohne auf seine Begleiter zu achten, als ob sie nie da gewesen wären, und als ob das Heben und Senken seines Armes nur eine Begrüßung an die Wartenden bedeuten sollte, geht er festen Schrittes auf den leeren Sessel im Raum zu, setzt sich und blickt mit einer ruhigen Höflichkeit in die Wartenden hinein.

Den Raum füllen nun vier.

Dornfelder, mit aus dem Dunkel der gefärbten Umrandung blassblau herausstechenden Augen, seinen, bei hellhäutig-blutarmen Menschen so hervorstechenden und sofort ein Gefühl von Sorglust erweckenden, geröteten Wangen - hier durch die vorhergehende Kälte der Straßenluft und dem danach getrunkenen Alkohol verursacht - und den etwas wüst ins Gesicht fallenden hellen Strähnen, hat sich seit einer geraumen Zeit in eine Ecke des Zimmer gesetzt.

"Dr. Moritz muss einen auf Max machen, Dr. Moritz muss einen auf Max machen, ... unbedingt muss er auf Max machen, machen, der Max macht Moritz - Nein - Max, nicht drücken, Moritz, faß den Beckenkamm an, ja - nimm ihn in deine Hand, ja, ja - wer zögert verliert - nimm endlich den Scheißarm aus meinem Gesicht, nein - deine Klugscheißerei hilft dir jetzt auch nicht mehr raus, ich bin nämlich Dr. Max - äh - ja, beinahe hätte ich Max gesagt - so weit hast du mich gebracht, so weit hast du mich getrieben du mit deinem schiefen Kopf - DURCHGEFALLEN! - Ja, durchgefallen ist dein Leben, durch mein Sieb, doch .... da kommt ja nichts raus ...[lacht auf]... nein, gar nichts kommt raus. Nimm ihn - nimm ihn - sonst..."

Dornfelder spricht metallisch, diszipliniert - es klingt wie eine Überwindung.

Da Quitt den Wein nicht trinken will, der ihm immer wieder von Königstreue vor die Nase gedrückt wird, nimmt er endlich das Glas und stellt es auf den Boden vor Dornfelder. "Hier Max, trink." Dieser ergreift das Glas, als ob dies das wortlose Stichwort gewesen wäre sein Exil in der Zimmerecke zu verlassen, steht auf, nimmt im Stehen einen Schluck, befindet den dunkelroten Trank Kraft seiner Gesichtsmuskulatur für gut und setzt sich grinsend auf den rechten, durch die Kniebeugung eines Sitzenden naturgemäß parallel zum Fußboden befindlichen, Oberschenkel des Alten, trinkt in einem Zug das restliche Glas aus, erhebt sich wieder und lässt sich über den Tisch gebeugt erneut von Königstreue einschenken. "Machs richig voll, Kleiner", raunt Dornfelder über den dunkel eingekratzen Holztisch hinüber. Königstreue gehorcht.



Einträchtig treten die Vier in eine Discothek.


mauseFALLE - [griech. mys] - muskelFALLE


I.Akt

ausgewaschene, hängende Bäuche, pralle Oberweiten, feuchtes Discofox-Gewackel grauer Häute, indischer Rosenverkäufer, der mit traurigen Augen straußschwenkend herumgestoßen wird


Königstreue: "Hier finde ich die richtige Frau zum Wein. Mausefalle, Käse, Wein, Frau - wieso bin ich da nicht früher drauf gekommen..." [geht mit brettharten Schultern in Richtung Tanzfläche ab]


II.Akt

Pferdeschwanz-Türsteher, hängende Männerbrüste, Gold im Mund, Berg- und Talgesichter, viehische Schweißdünste, brennende Rasierwässer


[der Alte geht mit Quitt im Kreis; Laub hängt über ihren Köpfen; der Alte nickt während des gesamten Gesprächs mit dem Kopf]


der Alte: "Schlimmer als die A-Discos. [und bewegt eine Lippe staatsmännisch] Keine Chance - die Feuerwehr feiert Micky Krause im Bierzelt..."


[Quitt unterbricht ihn]


"Siehst du die Eiche da vorne? Ich glaube das ist Plastik - die Quercus austroalpinus."[lacht]

der Alte: "Ja, kann sein - trau mich aber trotzdem nicht zu tanzen."


Quitt: "Bewegen - wär gut. Lass uns schaun, was D. macht -"


der Alte: "Bis wir da sind schrauben bestimmt schon drei kropfige KFZ-Mechaniker an D. rum."


[gehen ab in Richtung Eichenwald]


III.Akt

Milchbar, Sperma für drei Euro, das umhergrinsende erste Lehrjahr, bereits durchgewalkte und abgegriffene Fettrollen, lehmbraune Haarschneiderinnen, stumme Ratlosigkeit der haargesprühten Gesichter


[Quitt und der Alte erreichen die Brüstung und müssen mitansehen, wie sich Dornfelder auf die Tanzfläche zubewegt, stehen bleibt, gehörig schwankt und sich umdreht]


Dornfelder: "Ach - ihr schon wieder."


IV.Akt

mit unzähligen bpm einsausendes Bergklavier, ketterauchender Klomann


[all das erblickt Quitt; Quitt erblickt es, sieht es, nimmt es wahr; nimmt es für wahr; geht an den Rand der Tanzfläche, spannt den Körper]


[schreit] "YOU'RE SIMPLY THE BEST!"


[Doch niemand scheint ihn zu hören, denn es dreht sich niemand nach dem Schreienden um. Die Tanzfläche ist überdies leer.]


Quitt: "Redet da nicht ein Tier?"


[arbeiten fressen schlafen ficken kinder kriegen zeugen kriegen speicheln saufen wixen siechen verrecken]



Sie verlassen die Disco. "Ich hätt so'ne Lust meine Brüste zu zeigen!" - hören sie noch aus der Disco rausschallen. "Vielleicht sollten wir doch noch bleiben?" Doch da kommt Dornfelder schon aus der Disco gerannt und nun gehen sie zu viert ins Wochenende.


Das Wochenend-Lokal schien den Vieren besser zu gefallen, mit seiner Musik, dem warmen, etwas menschenleeren Kellerraum, der roten Farbe an den niedrigen Wänden. Solange sie in der Muskelfalle einen gemeinsamen Gegner hatten, schien der Abend noch eine vielversprechende Hoffnung zu haben. Kaum hatte man einen ruhigen Ort gefunden, zerbrach die Gemeinsamkeit und man wurde müde.

Der Königstreue erhob sich als erster vom Tisch, gab an müde zu sein, sagte etwas Unverständliches in den Halbkreis der aufschauenden Augenpaare und verließ treppauf den Raum. Quitt glaubte im Unverständlichen das Französische herausgehört zu haben, und meinte es könnte "VIVE LE ROI" bedeuten, war sich dessen aber nicht sicher und ging deshalb zum Tresen, um ein neues Bier zu kaufen.

"Oder war es doch MORALITÉ?"

"Auf D. ist immer Verlass," sagt gerade der Alte zu Quitt, als sie von ihrem Tisch aus, Dornfelder die Treppe zu ihnen hinuntersteigen sehen, mit einem nur halbzufriedenen Gesicht und er spricht bereits im Gehen feierlich auf sie ein: "Hab grad versucht zu kotzen - habs aber nicht geschafft..."

"Drei-Finger-Regel!", - und der Alte, der die Situation unverhohlen dazu nutzt seinen Abgang gebührend zu inszinieren, geht.


Fahrradschlingelnd in den nassen Straßenbahngleisen wird Quitt vor seinem Haus vom Gepäckträger Dornfelders abgesetzt. Dieser verabschiedet sich noch mit einem unmissverständlichen Gruss und pedaliert davon.

Quitt steht im Erggeschoss des Treppenhauses. Er blickt in die hell beleuchtete Kabine des Aufzugs. Auf dem Display an der Wand sieht er in Rot: E. Er beschließt zu laufen.

In sein Bett gelegt, streift er noch kurz den Abend in Gedanken und schlägt seine Nachtlektüre auf und liest.


"Find mein Fahrrad grad net!" - liest er noch kurz vor dem Einschlafen auf dem Bildschirm seines Handys.





9.12.07 22:58
 


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