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leichen wenden



Dunkelnder Abend. Freitag. Acht Wochen.

Der Föhn bläst wärmestrahlend durch die Häuserschluchten. Sonnenstrahlen klatschen an die pastellfarbenen Fassaden. Habsburgische Architektureleganz. Ein Blick aus seinem hohen Fenster - der viertelstündig schlagenden Kirchenturmsuhr gegenüberstehend. Hochschallendes Sprachgewirr halskranker Bergbewohner - von der ratternden Straßenbahn verschluckt, zermalmt und fortgetragen. Ein blechernes Surren.


Auf weißem Hintergrund steht geschrieben: AXAMS


Mit großen, langsamen Schritten durchquert Quitt sein Zimmer - vom offenen Fenster zur Zimmertür, von der Zimmertür zum offenen Fenster. Trotz der durchgeführten Bewegung bei frisch hereinströmender Berg-Stadt-Luft, scheint sich eine Spur von Ermattung nicht aus seinem Zimmer vertreiben zu lassen. Er beschließt, sich unter die Decke zu legen. Nur ein dumpfes und im Übrigen angenehmes Rauschen der Stadt dringt noch durch das verschlossene Doppelfenster.


"Ja - die gestrige Nacht", denkt er, während sein Gesicht sich in den kalten Bezug des Kissens formt. Bald schläft er ein.

Leichwendfest. Stadcafe.

Die sezierenden und präparierenden Studentenkurse wenden die Leichen. Haben diese bereits gewendet. Eine Körperfläche ist fertig ausgeräumt. Dorsal. Ventral. Vom Bauch auf den Rücken, vom Rücken auf den Bauch - je nachdem. Die andere wartet derweil. Das Erreichen der Hälfte des Herausschneidens, Abziehens, Durchsägens, Rausreißens, des Anschauens der grauen, harten Haut, der blass gewordenen Muskeln, des mit bloßen, feuchten Fingern Durchgrabens des ranzigen, grobkernigen, gelben Körperfettes, des Einatmens des formalyngetränkten Fleisches muss und wird gefeiert. Drei Tage lang; an drei verschiedenen Orten; den drei Didakten und den drei Leichentischen entsprechend. Leichendrehen und Saufen. Stadtcafe - also als drittes. Endstation des diesjährigen Wendens.


Umringt von Menschen, schaut Quitt sich das Spektakel an. Nur einige Sekunden reichen, um das unterhalb seiner Galerie auf der Bühne Stattfindende, als eine studentische Ausformung der "Bunten Abende" im Schullandheim seinerr ersten gymnasialen Jahre zu entzaubern. Hier scharren Studenten die Hufe grinsend vor Selbststolz "etwas auf die Beine gestellt zu haben" und etwas, am besten noch sich selbst, zu präsentieren. Ein übel nach Einschulung stinkender Geruch dringt zart in die Nase Quitts. Wider besseren Wissens meint er diesen zu kennen. Gesuchte Nähe, vorsichtige Distanz, Ablehnung, Selbstverstellung, Falschheit. Vielleicht sollte sich Quitt doch lieber hinter jedem seiner Gedanken ein Fragezeichen denken - denkt Quitt sofort. "Mit einem Fragezeichen lebe es sich wohl leichter", denkt er und macht gleichzeitig in der Menschenmenge eine Etage tiefer eine Professorin seiner Anatomie-Vorlesungen aus. "Schleicht mit einem Bier durch die Reihen qualmender Studenten." Sofort erkennt er die Mißachtung seines eben gefassten Vorsatzes und stößt ein deutliches "Fragezeichen" aus seinem Mund, was ihm aber kurz danach weit übertrieben vorkommt, denn schließlich könne man die Wahrnehmung nicht infrage stellen. "Die Interpretation: ja - aber nicht die Wahrnehmung?"


Für einen Moment muss Quitt sich schütteln, als ob unerwartet kalte Luft zwischen ihm und seiner Haut gedrungen wäre oder er dringlich Harn ablassen müsste und denkt an ein ehemaliges Forsthaus - zurückgesetzt auf einem weiträumigen, begraßten Areal. Spröde, graue Mauern. Holzbänke. Klar lackiert und vom Regen verwittert. Sitzende, lauthals lachende Kinder. Umhergehende Kinder. Stiller - allein oder in kleinen Gruppen. Beäugend, suchend. Eine Tischtennisplatte. Ein helles Klacken der Bälle - schneller werdend und ein keuchendes Schnappen. Ein ungelenker Sturz eines Mädchens. Eine reibende Gummisohle auf rauhkörnigem Beton. Ein, von erkaltetem Fußballerschweiß durchdrungenes, graues Treppenhaus. Eine kalte, stille Nacht in der baumverdunkelten Auffahrt zum Haus. Ein tiefer, grüner Geruch von Bäumen und von Heimat und von Fremde. Jeder Fetzen Erinnerung sticht und beruhigt ihn. Wahrnehmung oder Interpretation?
"Lange her, ...", murmelt er, nestelt eine Zigarette aus seinem Jackett und steckt sich diese an. Davor trinkt er noch einen Schluck von seinem Bier.


In der Zwischenzeit wird im medizinischen Fragespiel an die habillitierten Anatomen die Beckenmuskulatur - ja, was für eine Gaudi - behandelt. "Die Anwort war richtig, Frau ProfessorIn Buchlentensteiger!" Tusch, Mikrorauschen und schon bedeckt eine Gruppe maskierter Studenten die Bühne. Nur eine zweite bunte Haut bedeckt ihre Leiber. Ein Gruppentanz wird aufgeführt. Bunte Leggins, kreisende Stöße der studentischen Becken in die Luft und in den nicht vorhandenen Partner. Verdächtig nah kommt dieser Lusttanz den umherheuchelnden Professoren - immer wieder. "Ob sie die abgezogene Haut der Leichen angepinselt haben und jetzt als Tanzuniform tragen?", fragt Quitt den mittlerweile neben sich stehenden alten Mann, erkennt jedoch im selben Moment, - zum einen aus dem Nachklang seiner Worte und dem, erst da entstehenden, Kontext und zum anderen aus der reaktionslosen Gesichtsstarre des Alten - dass auch dieser schlechte Satz nicht dazu geeignet ist die peinliche Unlust an dem Treiben unter ihnen zu zerbrechen und nur unnötiger kommunikativer Ballast gewesen ist und entschuldigt sich wortlos mit einem Bierkaufgang für beide an den Tresen.

Zapfenschluss. Musik an, Bier in die Hände. Weg mit den Idioten. Umzug und Untergang in der Couch, die Quitt diesmal erfreute, da ihm fälschlicherweise das Restgeld auf einen Zehner rausgegeben wurde, obwohl er mit einem Fünfer bezahlt hatte. Die Nacht schritt fort. Eine rumpelnde Anstrengung schwerer Sessel, die Quitt bereits im Morgengrauen mit einem rotzfrechen Bengel zuerst durch die Innenstadt und später durch sein Haus in den dritten Stock zerren musste, trennte ihn von seinem Bett, in das er sich fallen ließ und recht bald, wenn auch unruhig, einschlief.

Quitt erwacht müde. Einige Minuten verweilt er noch in diesem undankbaren Schattenreich zwischen Schlaf und Wachen, bevor er sich schlagartig aus dem Bett stemmt. "Es wird bereits dunkel." Er steht mit nackten Füßen auf dem alten Parkett. Noch taumelnd vor Schlaf. Ein Freitag Abend.

Auf dem Weg ins Bad denkt er - wie jeden Freitag - daran, dass seine einstmals ungebrochene euphorische Einstellung auf den Freitag abzustumpfen droht. Wieder findet er keinen wahren Grund dafür. Perlender Wasserstrahl auf seinem Körper. Das Duschen nach dem Schlafen hat den Vorteil, die gedankenlose und unfruchtbare,noch dazu meist zutiefst verstörende, Zwischenzeit zwischen den grellen Träumen des Schlafs und der grauen Banalität des Wachens zu verkürzen oder doch zumindest zu verschleiern. Die notwendigen Handgriffe des Waschens - das Einreiben, das Abreiben, das Zurechtrücken des Körpers, die Ausrichtung des Wasserstrahls - all diese Handlungen bedürfen, trotz zahllos wiederholter Abläufe im Laufe der Jahre, immer noch einer genausten und bewussten Durchführung, und genau dieser Grund, dass sie eben noch nicht zu "sensomotorischen Automatismen" geworden sind, vermag den Sinn fürs Praktische im Wachen zu erwecken. Dies denkt Quitt. Das naße Handtuch schleudert er in die Ecke des Bades, besinnt sich aber beim Verlassen des Raumes eines Besseren, tritt zurück, hängt das naße Handtuch an den dafür vorgesehenen Haken und betrachtet es eine Weile.


"Keine Zeit für solche Gedanken", denkt sich Quitt, durchschreitet rasch den langen fensterlosen Gang der Wohnung und hört, kaum auf Höhe der Tür angelangt, das metallische Surren der Wohnungsklingel. Bevor er die Klinke herunterdrückt, fällt ihm noch ein, dass seine Idee mit dem Fragezeichen im Grunde geklaut  ist.


"Und dann? Auch am Schluß steht noch ein Fragezeichen.", begrüßt Quitt den Eintretenden.


2.12.07 17:26
 


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