VERNUNFT



  Startseite
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 


 

Webnews



http://myblog.de/sittingonthedockofthebay

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
14.1.08 19:59


Werbung


aid

first aid


I.     LUGER sei sein Name

        auch Doktor Schießeisen genannt -

        Großwild-Kleidung, grün-in-braun und in den

        Ecken steht gestickt:

        NORTH FACE


II.     schweigend in der Ecke ohne Haare

        BRUCE WILLIS - ein Held

        schweigend in der Ecke ohne Haare


III.     Heimlich-Griffe an die rote Brille - an der roten

           Brille steht geritzt:

           EMPORIO ARMANI


IV.     primär nicht schaden


"DELEYE wird man nicht einfach los" - auch mit

rotem Zopf und Cowboystiefeln nicht -


postoperativ indikation oro-pharyngeal kontraindikation naso-pharyngeal epiglotittis mittelgesichtsbereich c-griff suffizienter schluss reevaluirung überbrücken solls stirn-haar-ansatz schildknorpel beidseitig carotis a und b leicht schneidezahn


DAS UNTERKIEFER - sagt die Ente

DAS MANDIBULA - sagt ein Arzt

DER - sagt der Zuschauer


"Ich bin ein Kohlenstoff", denkt Quitt auf dem Heimweg

und hat Angst zu scheitern


- tagtägliche Schnappatmung




second aid


I.     VÖLKL sei sein Name

        hohes Tier und knappe zwei Meter - sehnig

        braun - im tiefsten Dezember - wie die Schuhsohle


II.     sieht gesund aus, Herr OberOberOber

        mit dem Schiff auf dem Nil - Kleidung

        dazu passend aufgekrempelt


III.     Blick zum Spiegel - schwarz und weiß

        getrimmt und grau - ein Bart

        einstmals schwarz - die Haare ohne teure Brille


third aid



I.     HAGER sei sein Name - Arzt und Arsch

        ein Strichcode: 004732871145 - verschoben,

        spitzes Hackgesicht nippt am Plastikkaffee


II.     Ein lacheder Geierblick durchs Brillen

        -loch

        WODDY ALLEN - sagt mein Blick


III.     Wixxer - denkt mein Herz


"Keine Gegenstände in den Mund stecken."

Einsatzindikation Wien - Karlsplatz

die Stimme sagt: Red Bull, Marlboro Lights, Heroin, Adidas Samba, Nike

Menschen stehen am Rande der Gesellschaft und drehen

bei Sonnenschein die Scheibenwischer an

psycholog. Betreuung = Schweigen

"Morgen!" - begrüßt der Doktor den Heroinintox in der Abenddämmerung


[keine gegenstände in den mund stecken] - blinkt auf im Hörsaal A


Dämmerzustand.


Eine Frau in schmerzend-blauem Abendkleid krampft rücklings wie ein

Exorzismus und schreit: ONTARIO


Steakhouse-Syndrom.


Körperautomatismen - Quitt legt die Stirn ans Holz

des chirurgischen Hörsaals und liest:

"Hallo du armes Schweinchen!"

- mit einem schwarzen Stift streicht er chen durch



"Die Aufgabe eines Arztes ist zu HANDELN - nicht zu URTEILEN", denkt Quitt auf dem Nachhauseweg.


"Schlaf gut mein süßer Richter Hager."

Alpdrücken von


enuresis hypersalvation status epillepticus inkontinent simple partial child cheyne-stokes-atmung postiktal leerer blick blink rapidly peti-mal grand-mal mastzellen vagotonie cerebral tonisch immunglobulin e klonisch unaware


in der Nacht.




fourth aid


I.     Lisi und Asergon -

        im Auto


II.     Doktor Frau Unfaller mit dem Gesicht eines           
        Mannes
        Brille


Heartopener.

fifth aid


"Ausquetschen - ausquetschen" - krächzt der hagere Vogel.








14.1.08 19:43


falle

Die eisige Luft verengt die Kapillaren der Extremitäten. Die Hände der eintretenden Körper sind anfangs kalt. Sie reiben sich die Handflächen gegeneinander, beugen und strecken die Finger - nachdem sie die vom Körper angewärmten Mäntel ablegen. Das warme Blut kehrt schwer und dick schlagend in die Finger zurück. Der Raum füllt sich mit warmen Stimmen. Sie sind unter sich.

Quitt, der den Wirt macht - wie jeden anderen Abend auch - sitzt in seinem schwarzen Stuhl und bewundert die Eigentätigkeit seiner bisher anwesenden Gäste , die er weder antreiben noch zu einer gewissen Sozialisationsproduktivität treiben muss. "Kein Vergleich zu den Kommunikationsverklemmten deiner gruppenhaften Jugendtage", schluckt er in sich hinein und will gerade einen neuen, anderen Satz in die linke hintere Zimmerecke stoßen, als er durch einen euphorischen Schlag auf die hölzerne Tischplatte aus seinen Beobachtungen geschleudert wird. Glasflasche auf Holz.


"Ich hoffe mal eine Frau zu finden, wie diesen Wein hier: ", sagt der sich bereits beim dritten Glas befindende Königstreue, versetzt seinem Ausspruch eine sinnvoll eingelegte Spannungspause und endet mit: "billig und muss knallen." Das Lachen, das darauf folgt, ist bitter. Alle drei lachen.


Ein Schlüssel passt sich metallisch knackend in das enge Schlüsselloch, wird gedreht; die Schlosszunge kratzt breit am Schaft. Wie durch eine Verstärkung ist diese Geräuschabfolge auch im Zimmer Quitts zu hören. Schwere, enge Schritte trommeln auf dem klebrigen Linoleum im Wohnungsflur - vor der Tür zum Zimmer. Verwundert blickt Quitt mit vorgeschürzten Lippen und verengten Brauen auf die Klinke seiner Zimmertür. Nichts. Im Flur hört man ein sich loslösendes Schnalzen nackter Fußsohlen. Unmengen - in leicht versetzen Abfolgen hintereinander klatschende Hautfetzen. Stimmen, wie durch einen Felsvorsprung oder durch das dichte Laub und Gesträuch eines Sommerwaldes vom direkten Anfallen des Hörers gehindert, schlagen wild in den Flur. Leise zwar - doch tief. Die Klinke bewegt sich nicht. Da die zwei neben ihm im Zimmer Anwesenden scheinbar nichts von diesem näherrückendem Dröhnen zu bemerken scheinen, zumal Königstreue viel zu sehr in die Erstellung einer Theorie des Zusammenhangs zwischen Weib und Wein vertieft ist, beschließt Quitt nachzusehen. Noch ein kurzer Blick in die Zimmerecke - "unverändert" - und er will aufstehen. Da senkt sich die Klinke.

Der Alte betritt den Raum - gefolgt von einem Prozessionszug kleinwüchsiger, nackter Neger, die mit grellen, schleimenden Mündern rufen: "MAUSEFALLE, MAUSEFALLE, MAUSEFALLE, MAUSEFALLE, MAUSEFALLE, ..." Der Alte hebt den rechten Arm, der dunkle, schweißbefleckte Troß hinter ihm bleckt nochmals besonders schräg die weiß herausblitzenden Zähne, erhöht die Geschwindigkeit und die Lautstärke der Worte und verstummt im selben Moment, da der Alte seinen Arm wieder gesenkt hat mit einem oktavenniedrigerem, geröcheltem MYS. Ohne auf seine Begleiter zu achten, als ob sie nie da gewesen wären, und als ob das Heben und Senken seines Armes nur eine Begrüßung an die Wartenden bedeuten sollte, geht er festen Schrittes auf den leeren Sessel im Raum zu, setzt sich und blickt mit einer ruhigen Höflichkeit in die Wartenden hinein.

Den Raum füllen nun vier.

Dornfelder, mit aus dem Dunkel der gefärbten Umrandung blassblau herausstechenden Augen, seinen, bei hellhäutig-blutarmen Menschen so hervorstechenden und sofort ein Gefühl von Sorglust erweckenden, geröteten Wangen - hier durch die vorhergehende Kälte der Straßenluft und dem danach getrunkenen Alkohol verursacht - und den etwas wüst ins Gesicht fallenden hellen Strähnen, hat sich seit einer geraumen Zeit in eine Ecke des Zimmer gesetzt.

"Dr. Moritz muss einen auf Max machen, Dr. Moritz muss einen auf Max machen, ... unbedingt muss er auf Max machen, machen, der Max macht Moritz - Nein - Max, nicht drücken, Moritz, faß den Beckenkamm an, ja - nimm ihn in deine Hand, ja, ja - wer zögert verliert - nimm endlich den Scheißarm aus meinem Gesicht, nein - deine Klugscheißerei hilft dir jetzt auch nicht mehr raus, ich bin nämlich Dr. Max - äh - ja, beinahe hätte ich Max gesagt - so weit hast du mich gebracht, so weit hast du mich getrieben du mit deinem schiefen Kopf - DURCHGEFALLEN! - Ja, durchgefallen ist dein Leben, durch mein Sieb, doch .... da kommt ja nichts raus ...[lacht auf]... nein, gar nichts kommt raus. Nimm ihn - nimm ihn - sonst..."

Dornfelder spricht metallisch, diszipliniert - es klingt wie eine Überwindung.

Da Quitt den Wein nicht trinken will, der ihm immer wieder von Königstreue vor die Nase gedrückt wird, nimmt er endlich das Glas und stellt es auf den Boden vor Dornfelder. "Hier Max, trink." Dieser ergreift das Glas, als ob dies das wortlose Stichwort gewesen wäre sein Exil in der Zimmerecke zu verlassen, steht auf, nimmt im Stehen einen Schluck, befindet den dunkelroten Trank Kraft seiner Gesichtsmuskulatur für gut und setzt sich grinsend auf den rechten, durch die Kniebeugung eines Sitzenden naturgemäß parallel zum Fußboden befindlichen, Oberschenkel des Alten, trinkt in einem Zug das restliche Glas aus, erhebt sich wieder und lässt sich über den Tisch gebeugt erneut von Königstreue einschenken. "Machs richig voll, Kleiner", raunt Dornfelder über den dunkel eingekratzen Holztisch hinüber. Königstreue gehorcht.



Einträchtig treten die Vier in eine Discothek.


mauseFALLE - [griech. mys] - muskelFALLE


I.Akt

ausgewaschene, hängende Bäuche, pralle Oberweiten, feuchtes Discofox-Gewackel grauer Häute, indischer Rosenverkäufer, der mit traurigen Augen straußschwenkend herumgestoßen wird


Königstreue: "Hier finde ich die richtige Frau zum Wein. Mausefalle, Käse, Wein, Frau - wieso bin ich da nicht früher drauf gekommen..." [geht mit brettharten Schultern in Richtung Tanzfläche ab]


II.Akt

Pferdeschwanz-Türsteher, hängende Männerbrüste, Gold im Mund, Berg- und Talgesichter, viehische Schweißdünste, brennende Rasierwässer


[der Alte geht mit Quitt im Kreis; Laub hängt über ihren Köpfen; der Alte nickt während des gesamten Gesprächs mit dem Kopf]


der Alte: "Schlimmer als die A-Discos. [und bewegt eine Lippe staatsmännisch] Keine Chance - die Feuerwehr feiert Micky Krause im Bierzelt..."


[Quitt unterbricht ihn]


"Siehst du die Eiche da vorne? Ich glaube das ist Plastik - die Quercus austroalpinus."[lacht]

der Alte: "Ja, kann sein - trau mich aber trotzdem nicht zu tanzen."


Quitt: "Bewegen - wär gut. Lass uns schaun, was D. macht -"


der Alte: "Bis wir da sind schrauben bestimmt schon drei kropfige KFZ-Mechaniker an D. rum."


[gehen ab in Richtung Eichenwald]


III.Akt

Milchbar, Sperma für drei Euro, das umhergrinsende erste Lehrjahr, bereits durchgewalkte und abgegriffene Fettrollen, lehmbraune Haarschneiderinnen, stumme Ratlosigkeit der haargesprühten Gesichter


[Quitt und der Alte erreichen die Brüstung und müssen mitansehen, wie sich Dornfelder auf die Tanzfläche zubewegt, stehen bleibt, gehörig schwankt und sich umdreht]


Dornfelder: "Ach - ihr schon wieder."


IV.Akt

mit unzähligen bpm einsausendes Bergklavier, ketterauchender Klomann


[all das erblickt Quitt; Quitt erblickt es, sieht es, nimmt es wahr; nimmt es für wahr; geht an den Rand der Tanzfläche, spannt den Körper]


[schreit] "YOU'RE SIMPLY THE BEST!"


[Doch niemand scheint ihn zu hören, denn es dreht sich niemand nach dem Schreienden um. Die Tanzfläche ist überdies leer.]


Quitt: "Redet da nicht ein Tier?"


[arbeiten fressen schlafen ficken kinder kriegen zeugen kriegen speicheln saufen wixen siechen verrecken]



Sie verlassen die Disco. "Ich hätt so'ne Lust meine Brüste zu zeigen!" - hören sie noch aus der Disco rausschallen. "Vielleicht sollten wir doch noch bleiben?" Doch da kommt Dornfelder schon aus der Disco gerannt und nun gehen sie zu viert ins Wochenende.


Das Wochenend-Lokal schien den Vieren besser zu gefallen, mit seiner Musik, dem warmen, etwas menschenleeren Kellerraum, der roten Farbe an den niedrigen Wänden. Solange sie in der Muskelfalle einen gemeinsamen Gegner hatten, schien der Abend noch eine vielversprechende Hoffnung zu haben. Kaum hatte man einen ruhigen Ort gefunden, zerbrach die Gemeinsamkeit und man wurde müde.

Der Königstreue erhob sich als erster vom Tisch, gab an müde zu sein, sagte etwas Unverständliches in den Halbkreis der aufschauenden Augenpaare und verließ treppauf den Raum. Quitt glaubte im Unverständlichen das Französische herausgehört zu haben, und meinte es könnte "VIVE LE ROI" bedeuten, war sich dessen aber nicht sicher und ging deshalb zum Tresen, um ein neues Bier zu kaufen.

"Oder war es doch MORALITÉ?"

"Auf D. ist immer Verlass," sagt gerade der Alte zu Quitt, als sie von ihrem Tisch aus, Dornfelder die Treppe zu ihnen hinuntersteigen sehen, mit einem nur halbzufriedenen Gesicht und er spricht bereits im Gehen feierlich auf sie ein: "Hab grad versucht zu kotzen - habs aber nicht geschafft..."

"Drei-Finger-Regel!", - und der Alte, der die Situation unverhohlen dazu nutzt seinen Abgang gebührend zu inszinieren, geht.


Fahrradschlingelnd in den nassen Straßenbahngleisen wird Quitt vor seinem Haus vom Gepäckträger Dornfelders abgesetzt. Dieser verabschiedet sich noch mit einem unmissverständlichen Gruss und pedaliert davon.

Quitt steht im Erggeschoss des Treppenhauses. Er blickt in die hell beleuchtete Kabine des Aufzugs. Auf dem Display an der Wand sieht er in Rot: E. Er beschließt zu laufen.

In sein Bett gelegt, streift er noch kurz den Abend in Gedanken und schlägt seine Nachtlektüre auf und liest.


"Find mein Fahrrad grad net!" - liest er noch kurz vor dem Einschlafen auf dem Bildschirm seines Handys.





9.12.07 22:58


leichen wenden



Dunkelnder Abend. Freitag. Acht Wochen.

Der Föhn bläst wärmestrahlend durch die Häuserschluchten. Sonnenstrahlen klatschen an die pastellfarbenen Fassaden. Habsburgische Architektureleganz. Ein Blick aus seinem hohen Fenster - der viertelstündig schlagenden Kirchenturmsuhr gegenüberstehend. Hochschallendes Sprachgewirr halskranker Bergbewohner - von der ratternden Straßenbahn verschluckt, zermalmt und fortgetragen. Ein blechernes Surren.


Auf weißem Hintergrund steht geschrieben: AXAMS


Mit großen, langsamen Schritten durchquert Quitt sein Zimmer - vom offenen Fenster zur Zimmertür, von der Zimmertür zum offenen Fenster. Trotz der durchgeführten Bewegung bei frisch hereinströmender Berg-Stadt-Luft, scheint sich eine Spur von Ermattung nicht aus seinem Zimmer vertreiben zu lassen. Er beschließt, sich unter die Decke zu legen. Nur ein dumpfes und im Übrigen angenehmes Rauschen der Stadt dringt noch durch das verschlossene Doppelfenster.


"Ja - die gestrige Nacht", denkt er, während sein Gesicht sich in den kalten Bezug des Kissens formt. Bald schläft er ein.

Leichwendfest. Stadcafe.

Die sezierenden und präparierenden Studentenkurse wenden die Leichen. Haben diese bereits gewendet. Eine Körperfläche ist fertig ausgeräumt. Dorsal. Ventral. Vom Bauch auf den Rücken, vom Rücken auf den Bauch - je nachdem. Die andere wartet derweil. Das Erreichen der Hälfte des Herausschneidens, Abziehens, Durchsägens, Rausreißens, des Anschauens der grauen, harten Haut, der blass gewordenen Muskeln, des mit bloßen, feuchten Fingern Durchgrabens des ranzigen, grobkernigen, gelben Körperfettes, des Einatmens des formalyngetränkten Fleisches muss und wird gefeiert. Drei Tage lang; an drei verschiedenen Orten; den drei Didakten und den drei Leichentischen entsprechend. Leichendrehen und Saufen. Stadtcafe - also als drittes. Endstation des diesjährigen Wendens.


Umringt von Menschen, schaut Quitt sich das Spektakel an. Nur einige Sekunden reichen, um das unterhalb seiner Galerie auf der Bühne Stattfindende, als eine studentische Ausformung der "Bunten Abende" im Schullandheim seinerr ersten gymnasialen Jahre zu entzaubern. Hier scharren Studenten die Hufe grinsend vor Selbststolz "etwas auf die Beine gestellt zu haben" und etwas, am besten noch sich selbst, zu präsentieren. Ein übel nach Einschulung stinkender Geruch dringt zart in die Nase Quitts. Wider besseren Wissens meint er diesen zu kennen. Gesuchte Nähe, vorsichtige Distanz, Ablehnung, Selbstverstellung, Falschheit. Vielleicht sollte sich Quitt doch lieber hinter jedem seiner Gedanken ein Fragezeichen denken - denkt Quitt sofort. "Mit einem Fragezeichen lebe es sich wohl leichter", denkt er und macht gleichzeitig in der Menschenmenge eine Etage tiefer eine Professorin seiner Anatomie-Vorlesungen aus. "Schleicht mit einem Bier durch die Reihen qualmender Studenten." Sofort erkennt er die Mißachtung seines eben gefassten Vorsatzes und stößt ein deutliches "Fragezeichen" aus seinem Mund, was ihm aber kurz danach weit übertrieben vorkommt, denn schließlich könne man die Wahrnehmung nicht infrage stellen. "Die Interpretation: ja - aber nicht die Wahrnehmung?"


Für einen Moment muss Quitt sich schütteln, als ob unerwartet kalte Luft zwischen ihm und seiner Haut gedrungen wäre oder er dringlich Harn ablassen müsste und denkt an ein ehemaliges Forsthaus - zurückgesetzt auf einem weiträumigen, begraßten Areal. Spröde, graue Mauern. Holzbänke. Klar lackiert und vom Regen verwittert. Sitzende, lauthals lachende Kinder. Umhergehende Kinder. Stiller - allein oder in kleinen Gruppen. Beäugend, suchend. Eine Tischtennisplatte. Ein helles Klacken der Bälle - schneller werdend und ein keuchendes Schnappen. Ein ungelenker Sturz eines Mädchens. Eine reibende Gummisohle auf rauhkörnigem Beton. Ein, von erkaltetem Fußballerschweiß durchdrungenes, graues Treppenhaus. Eine kalte, stille Nacht in der baumverdunkelten Auffahrt zum Haus. Ein tiefer, grüner Geruch von Bäumen und von Heimat und von Fremde. Jeder Fetzen Erinnerung sticht und beruhigt ihn. Wahrnehmung oder Interpretation?
"Lange her, ...", murmelt er, nestelt eine Zigarette aus seinem Jackett und steckt sich diese an. Davor trinkt er noch einen Schluck von seinem Bier.


In der Zwischenzeit wird im medizinischen Fragespiel an die habillitierten Anatomen die Beckenmuskulatur - ja, was für eine Gaudi - behandelt. "Die Anwort war richtig, Frau ProfessorIn Buchlentensteiger!" Tusch, Mikrorauschen und schon bedeckt eine Gruppe maskierter Studenten die Bühne. Nur eine zweite bunte Haut bedeckt ihre Leiber. Ein Gruppentanz wird aufgeführt. Bunte Leggins, kreisende Stöße der studentischen Becken in die Luft und in den nicht vorhandenen Partner. Verdächtig nah kommt dieser Lusttanz den umherheuchelnden Professoren - immer wieder. "Ob sie die abgezogene Haut der Leichen angepinselt haben und jetzt als Tanzuniform tragen?", fragt Quitt den mittlerweile neben sich stehenden alten Mann, erkennt jedoch im selben Moment, - zum einen aus dem Nachklang seiner Worte und dem, erst da entstehenden, Kontext und zum anderen aus der reaktionslosen Gesichtsstarre des Alten - dass auch dieser schlechte Satz nicht dazu geeignet ist die peinliche Unlust an dem Treiben unter ihnen zu zerbrechen und nur unnötiger kommunikativer Ballast gewesen ist und entschuldigt sich wortlos mit einem Bierkaufgang für beide an den Tresen.

Zapfenschluss. Musik an, Bier in die Hände. Weg mit den Idioten. Umzug und Untergang in der Couch, die Quitt diesmal erfreute, da ihm fälschlicherweise das Restgeld auf einen Zehner rausgegeben wurde, obwohl er mit einem Fünfer bezahlt hatte. Die Nacht schritt fort. Eine rumpelnde Anstrengung schwerer Sessel, die Quitt bereits im Morgengrauen mit einem rotzfrechen Bengel zuerst durch die Innenstadt und später durch sein Haus in den dritten Stock zerren musste, trennte ihn von seinem Bett, in das er sich fallen ließ und recht bald, wenn auch unruhig, einschlief.

Quitt erwacht müde. Einige Minuten verweilt er noch in diesem undankbaren Schattenreich zwischen Schlaf und Wachen, bevor er sich schlagartig aus dem Bett stemmt. "Es wird bereits dunkel." Er steht mit nackten Füßen auf dem alten Parkett. Noch taumelnd vor Schlaf. Ein Freitag Abend.

Auf dem Weg ins Bad denkt er - wie jeden Freitag - daran, dass seine einstmals ungebrochene euphorische Einstellung auf den Freitag abzustumpfen droht. Wieder findet er keinen wahren Grund dafür. Perlender Wasserstrahl auf seinem Körper. Das Duschen nach dem Schlafen hat den Vorteil, die gedankenlose und unfruchtbare,noch dazu meist zutiefst verstörende, Zwischenzeit zwischen den grellen Träumen des Schlafs und der grauen Banalität des Wachens zu verkürzen oder doch zumindest zu verschleiern. Die notwendigen Handgriffe des Waschens - das Einreiben, das Abreiben, das Zurechtrücken des Körpers, die Ausrichtung des Wasserstrahls - all diese Handlungen bedürfen, trotz zahllos wiederholter Abläufe im Laufe der Jahre, immer noch einer genausten und bewussten Durchführung, und genau dieser Grund, dass sie eben noch nicht zu "sensomotorischen Automatismen" geworden sind, vermag den Sinn fürs Praktische im Wachen zu erwecken. Dies denkt Quitt. Das naße Handtuch schleudert er in die Ecke des Bades, besinnt sich aber beim Verlassen des Raumes eines Besseren, tritt zurück, hängt das naße Handtuch an den dafür vorgesehenen Haken und betrachtet es eine Weile.


"Keine Zeit für solche Gedanken", denkt sich Quitt, durchschreitet rasch den langen fensterlosen Gang der Wohnung und hört, kaum auf Höhe der Tür angelangt, das metallische Surren der Wohnungsklingel. Bevor er die Klinke herunterdrückt, fällt ihm noch ein, dass seine Idee mit dem Fragezeichen im Grunde geklaut  ist.


"Und dann? Auch am Schluß steht noch ein Fragezeichen.", begrüßt Quitt den Eintretenden.


2.12.07 17:26


[erste Seite] [eine Seite zurück]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung